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Berge, Meere und Giganten (Alfred Döblin)

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Cover zu Alfred Döblin, Berge, Meere und Giganten

Alfred Döblin, Berge, Meere und Giganten

Es gibt Autoren, die sich bei den ihren Büchern zugrundeliegenden Forschungen vollständig geirrt haben, deren soziale und politische Analysen aber vollständig richtig waren und sind. Die Studie über die asiatische Despotie von Karl August Wittfogel ist dafür ein eindrucksvolles Beispiel. Seine Auffassung, dass die „asiatische Produktionsweise durch die spezifische Notwendigkeit des Baus von Bewässerungsanlagen entstanden sei“* gilt trotz ihres umfassenden historischen Materials seit gut dreißig Jahren als überholt. Trotzdem können mit seinen Ergebnissen die Strukturen der russischen Gesellschaft und die Mechanismen des sowjetischen Staates gut erklärt werden. Allen Revolutionen und Reformen zum Trotz und bis heute unter Wladimir Putin.

Ähnlich ist es Alfred Döblin mit seinem Roman „Berge, Meere und Giganten“ ergangen. Döblin, dessen Leben glücklicher hätte verlaufen können, wenn Bert Brecht, der ihn, Döblin, einst als seinen „geistigen Vater“ bezeichnet hatte, sich nicht von ihm abgewandt hätte, weil er, Döblin, sich in höchster Not katholisch taufen ließ, oder wenn Walter Benjamin ihn in seinem berühmten Essay über die Erzähler dieser Welt 1936 erwähnt hätte. Das hat er nicht getan, obwohl er Döblins „Berlin Alexanderplatz“ sehr schätze, und nur deshalb, weil er, Döblin, schon früh auf die Gefahren des aufkommenden Despotismus in der herannahenden Stalinzeit hingewiesen hatte.

Döblin hatte sich geirrt. Nicht in der Arktis brechen die Vulkane unter dem Einfluss von Sonne, Licht und Wärme aus, erwachen ungestalte Kolosse zum Leben und wachsen in den Himmel, wenden sich die von den Menschen gezüchteten Giganten gegen ihre Schöpfer und sich selbst. Das Leben auf dieser Welt wird zur Hölle, Sintfluten drohen, und der vollständige Untergang naht. Bis sich die Menschen eines Besseren besinnen. In Grönland wollen sie einen neuen Anfang machen. So viel Glück werden wir nicht haben. Und auch nicht die Grille, die heute morgen mit der aufgehenden Sonne erst um zwanzig nach vier ihr Zirpen eingestellt hat. Dafür können wir als Begleitmusik Radiohead’s Album „The Bends“ hören. Weil die Musik so schön ist. So schön traurig.

Die Vulkane sind bei Döblin unter der Arktis. Die moderne Wissenschaft hat dagegen bereits zu Ende des vorvorigen Jahrhunderts 40 von ihnen in der Antarktis gefunden, heute sind es über 130, von denen wir wissen. Erst vor kurzem kamen einige neue dazu. Tritt dort eine Eisschmelze ein, wird der Meeresspiegel noch schneller und noch stärker steigen als bisher angenommen. Alfred Döblin konnte dies nicht wissen, als er, wie die Literaturkritik bereits im vorigen Jahrhundert feststellte, den bedeutendsten Zukunftsroman Deutschlands schrieb. Ebenso wuchtig in seiner existentiellen Sprachgewalt wie in seiner überzeugenden Prophetie.

Natürlich ist dieses Buch von Alfred Döblin kein Jugend- und schon gar kein Kinderbuch. Aber vielleicht sollten wir gerade deshalb unseren Kindern die Geschichte von den Bergen und den Meeren, den Giganten und den Menschen erzählen. Damit sie mehr Glück haben als wir und mit ihnen die Grille von heute morgen. Und alles andere Leben auch.

* https://de.wikipedia.org/wiki/Asiatische_Produktionsweise

Zu Alfred Döblin: Berge, Meere und Giganten, Fischer Verlag, Frankfurt a. Main, 2013. Alle Rechte beim Verlag.

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